Forschungsprogramm: Heuristisches Analyseschema und Arbeitsfelder

Die skizzierte Bandbreite von unterschiedlichen Relationen zwischen Demokratie als Form des Zusammenlebens und Demokratie als Staats- und Regierungsform zeigt, dass das bisweilen idealisierend wirkende Bild einer ästhetisch-politischen Urteilsgemeinschaft (mit seiner Evozierung der antiken Agora als dem Ort demokratischen Sprechens und Handelns) der begrifflichen Weiterentwicklung bedarf, um eine Erforschung der konkreten Manifestationen der Ästhetik der Demokratie zu ermöglichen. Als heuristisches Analyseschema für die ästhetische Dimension des Spannungsverhältnisses von Form und Umformung arbeiten wir deshalb mit einem Mehrebenen-Modell des sozialen Zusammenlebens, in dem das Ästhetische in vier verschiedenen Registern auftritt. Es sind dies a) ästhetische Ordnungen (auf der infrastrukturellen und institutionellen, den einzelnen Praktiken vorausgehenden Ordnungsebene), b) ästhetisches Handeln (auf der interpersonalen Ebene der Praktiken), c) ästhetische Dinge (in welchen sowohl soziale Praktiken als auch imaginative Gegenentwürfe ihren Niederschlag und ihre Materialisierung finden) und schließlich d) ästhetische Erfahrungen (welche die subjektbezogene Ebene kollektiver Subjektivierungsformen betreffen).

Dieses Vier-Ebenen-Schema dient als Instrument, um konkrete Erscheinungen des demokratischen Zusammenlebens aus mehreren ästhetischen Dimensionen untersuchen zu können. Die Arbeitsfelder des Forschungsprogramms ergeben sich aus diesem Modell. Jedes Arbeitsfeld konzentriert sich zunächst auf eine der vier Ebenen, die zueinander in Wechselbeziehungen stehen. Die Promotionsprojekte werden je einem Arbeitsfeld zugeordnet. Entscheidend für die Zuordnung ist die Frage, welche der vier Ebenen den primären Aspekt ausmacht, im Hinblick auf den der Untersuchungsgegenstand betrachtet wird. Zugleich untersuchen die Promotionsprojekte die Wechselwirkungen zwischen den vier Dimensionen.

Im Folgenden skizzieren wir die vier heuristischen Ebenen des Analysemodells und die daraus abgeleiteten Arbeitsfelder. Wir umreißen zu Zwecken der Veranschaulichung für jedes Feld einen beispielhaften Themenkomplex, aus dem sich Ansatzpunkte für Bündel thematisch affiner Forschungsprojekte ergeben.

Arbeitsfeld 1: Ästhetische Ordnungen

In unserem Mehrebenen-Modell, das Analogien zu Strukturierungsvorschlägen aus der Sozialphilosophie (Saar 2019c) und Kultursoziologie (Reckwitz 2016) aufweist, stellen ästhetische Ordnungen einen ebenso ermöglichenden wie regulativen Bezugsrahmen für die Demokratie als Form des Zusammenlebens dar. Sie liefern die Bedingungen für die Ausgestaltung der Ebenen des Handelns, der Dinge und der Erfahrung. Ästhetische Ordnungen ordnen Grade des Wahrnehmbaren und Nicht-Wahrnehmbaren. Einschlägig ist hier Jacques Rancières einflussreiche Formulierung der „Aufteilungen des Sinnlichen“ (Rancière 2010, 36). Allerdings bedarf die vom ihm suggerierte Trennschärfe des Wahrnehmbaren und Nicht-Wahrnehmbaren genauerer Untersuchungen, denn wie der Literaturtheoretiker Juri Lotman gezeigt hat, sind politisch-ästhetische Ordnungen intern ausdifferenziert, etwa mit Blick auf Zentrum und Peripherie (Lotman 1979 und 1990; s. auch Koschorke, Voelz 2018). Aisthesis (die sinnliche Wahrnehmung dessen, was in den Bereich des Wahrnehmbaren eingeschlossen ist) trifft auf ästhetische Kategorien und Wertzuschreibungen, so dass die Unterscheidung zwischen Ein- und Ausgeschlossenem auf diejenige zwischen „Zu(ver)lässigem und Unzu(ver)lässigem“ (Manow 48) stößt, bzw. die Unterscheidung zwischen Repräsentierbarem und Nicht-Repräsentierbarem auf diejenige zwischen „Präsentablem und Nicht-Präsentablem“ (Ostiguy 75). Wir verstehen somit die Ebene der ästhetischen Ordnung nicht als dichotom; sie operiert nicht primär auf Basis eines binären Codes von „sichtbar/unsichtbar“ bzw. „wahrnehmbar/nicht wahrnehmbar“. Stattdessen gehen wir davon aus, dass ästhetische Ordnungen die Aisthesis hierarchisch anordnen. Das Nicht-Wahrnehmbare ist somit nicht notwendigerweise außerhalb der sinnlichen Ordnung verortet, sondern erscheint innerhalb dieser – jedoch an verstellter oder verdeckter Stelle. In einer solchen Dynamisierung strukturalistischer Ordnungstheorie rücken u. a. diejenigen Hierarchien sinnlichen Ausdrucks und Wahrnehmens ins Zentrum des Forschungsinteresses, die aus Ordnungsoperationen „starker Evaluation“ (Taylor 1989), Konsekration und Sakralisierung (Appadurai, Karpik, Leypoldt) und Verfemung (Geisenhanslüke 2018) resultieren. An die Stelle binärer Kategorien (wie „Innen oder Außen“, „Präsenz oder Absenz“) treten solche, die graduelle Spektren beschreiben. Hierzu gehören Gradierungen der Priorisierung, wie etwa „Vorder- und Hintergrund“ und „Relevanz und Irrelevanz“ (Tamarkin); auch graduell angelegte ästhetische Formbeschreibungen dienen der Analyse ästhetischer Ordnungen, z. B. „kräftig und blass“, „laut und leise“, „dick und dünn“, „verschwommen und klar“. Obwohl ästhetische Ordnungen in Institutionen und Infrastrukturen materielle, objektive – und vielfach beständige – Gestalt annehmen können, konzipieren wir sie nicht als transhistorisch, sondern als historischen Wandlungen ausgesetzt. Ordnungen sind Gegenstand des demokratischen Dissenses, und sie rahmen ihn zugleich. Untersuchungen ästhetischer Ordnung sind damit auch Untersuchungen ihrer Aushandlung. Deshalb ist es zentral, bei der Erforschung der ästhetischen Ordnungen die Wechselwirkungen der vier Ebenen unseres Modells in den Blick zu nehmen.

Exemplarischer Themenkomplex 1:
Unter der Perspektivierung der „ästhetischen Ordnungen“ geht es in unserem ersten Beispiel eines konkreten Themenkomplexes um Unsichtbarkeit – und damit um ein zentrales, wenngleich nach wie vor untertheoretisiertes soziales Phänomen. Gemeint ist nicht die physische Unsichtbarkeit, sondern ein struktureller Mangel an entgegengebrachter Aufmerksamkeit für ein Sichtbares, das übersehen, an dem vorbei- oder durch das hindurchgesehen wird (Rebentisch 2022, Brighenti). Unsichtbarkeit lässt sich mit unserem Vokabular als eine zur Ordnung geronnene Sinnlichkeit verstehen, die auf Ausschlüssen beruht und die für real existierende Formen des demokratischen Zusammenlebens charakteristisch ist – wenngleich sie unter bestimmten Umständen zum Gegenstand von (aisthetischem) Dissens wird. Obwohl Unsichtbarkeit als soziales (Nicht-)Verhältnis in den letzten Jahren verstärkt im Kontext der Sozialphilosophie (Honneth 2003, Schaffer 2008), der Migrationsforschung (Wilcke), der de- oder postkolonialen Studien (Král; Schmidt-Linsenhoff; Hayes 2024a, 2024b), der Black Studies (Hartman 1997, Harney/Moten 2016, Moten 2018) und der Queer Studies (Edelman) aufgenommen wurde, hat die Forschung dieses Phänomen bisher kaum eigens als Herausforderung der Demokratietheorie adressiert. Dort ging es bisher eher um die Momente der situativen Unterbrechung etablierter Ordnungen, in denen das zuvor Unsichtbare in die Sichtbarkeit der politischen Demonstration drängt (Rancière 2002). Im Kontext unseres Forschungsprogramms gehen wir davon aus, dass eine demokratietheoretische Aisthetik um eine kritische Theorie institutionalisierter und habitualisierter Wahrnehmungsweisen ergänzt werden muss, um die Dynamik von Form/Ordnung und Dissens besser zu verstehen. Ein solches Vorhaben kann Erkenntnisse insbesondere aus literatur- und kunstwissenschaftlichen Arbeiten gewinnen, die künstlerische Formgebungen des Unsichtbaren diskutieren, so etwa im Bereich der zeitgenössischen „Erasure Poetry“ (Schaefer 2024a, 2024b) und Kunstfotografie (Azoulay, Krause-Wahl 2022a).

Arbeitsfeld 2: Ästhetisches Handeln

Unser Begriff des „ästhetischen Handelns“ markiert nicht eine Untergattung von Handlungen, sondern vielmehr eine bestimmte Perspektive, aus der auf Handlungen geblickt wird. Handlungen sind dann ästhetisch, wenn ihr Aspekt des Sinnlichen in den Fokus rückt. Voreinander in Erscheinung zu treten, einander zu affizieren, miteinander auf die Welt einzuwirken: Praktiken des Sozialen erscheinen als fundamental ästhetisch-affektiv, so dass sich von einer „sozialen Ästhetik“ sprechen lässt (Carnevali). Aus Sicht unserer übergeordneten Fragestellung ist von Interesse, wie konkrete ästhetische Handlungen zur konfliktreichen Dynamik von Form und Umformung beitragen. Handlungen sind hierbei besonders vielversprechende Untersuchungsgegenstände. Denn wir gehen davon aus, dass „Handlungen selbst […] konstitutiv für das [sind], was ihnen dann als festgefügte Ordnung von Praktiken selbst wieder entgegentreten kann, in einer Dialektik von Instituierung und Instituiertem oder Konstitution und Konstituiertem“ (Saar 2019c, 164). In ihren geronnen Aggregatszuständen sind Handlungen also soziale Formen – als Sitten, Gebräuche, Regelvollzüge oder Rituale. Aber Handlungen sind auch das Medium, in dem die Auseinandersetzung von und mit diesen sozialen Formen stattfindet. Welche Einsichten konkrete soziale Praktiken unter dem Aspekt der Ästhetik in die Dynamik von Form und Umformung erlauben, ist die generelle Fragestellung des zweiten Forschungsfeldes. Auch wenn sie meist nicht als „ästhetische Handlungen“ tituliert werden, kreisen ganze Forschungsfelder der kritischen Theoriebildung und kulturwissenschaftlichen Forschung um Unterarten dieses Handlungstypus – darunter Performativität (Austin, Butler), Performanz (Schechner, Goffman, Fischer-Lichte) und Agency (Taylor 1988, K. Frank). Diese Begriffe und die darum sich rankenden kritischen Traditionen lassen sich vor der Fragestellung des GRK neu rahmen. Sowohl theoretisch als auch an konkreten Gegenständen wäre etwa zu erforschen, ob oder unter welchen Bedingungen ästhetische Praktiken der Demokratie zugleich Praktiken der Demokratisierung sind, d.h. Formen sozialen Handelns, in denen Enthierarchisierung, der Abbau von Privilegien und die Aufwertung individueller Singularität als motivierende Kraft wirken.

Exemplarischer Themenkomplex 2:
Das zweite Beispiel rückt soziale Formbildung auf der Ebene des „ästhetischen Handelns“ – hier: des Urteilens – in den Fokus. Das Forschungsfeld der Gegenwartsästhetik erkennt in affluenten Demokratien der Gegenwart effektive Formen der Gemeinschaftsbildung über eine Übereinstimmung im Stil (Baßler/Drügh). Solche „Stilgemeinschaften“ (Venus) scheinen sich auf den ersten Blick gemäß Andreas Reckwitz’ Theorie der Gesellschaft der Singularitäten (2017) in der Spätmoderne immer weiter auszudifferenzieren (Fantasy, Black Metal, Science-Fiction, usw.). Im Lichte von Hannah Arendts (1982) Vorlesungen über Kants Kritik der Urteilskraft stellt sich allerdings die Frage, ob Stilgemeinschaften nicht auch anders deutbar sind: In ihnen kommen Sinn und Gefühl von Gemeinschaftlichkeit durch ästhetisches Urteilen zustande – und ein solches Urteil zieht eine Verbindungslinie vom individuellen Eigensinn zum Gemeinsinn. Denn wie oben bereits verdeutlicht, wird das ganz und gar eigene Empfinden als ästhetisches Urteil anderen begrifflich „angesonnen“ oder „zugemutet“ (in Kants sprechender Begrifflichkeit). In dieser intersubjektiven Form des Urteilens erkennt Hannah Arendt eine Grundoperation der Demokratie. Ob allerdings Stilgemeinschaften als demokratische Erscheinungsräume pluralistischen Urteilens anzusehen sind (Loidolt 2017, Rebentisch 2022) oder als Symptome parzellierter, den Logiken kreativwirtschaftlicher Wertschöpfung unterworfener Öffentlichkeiten, ist eine Frage, die am konkreten Phänomen untersucht werden muss. Die Antwort wird u. a. davon abhängen, ob sie Dissens in ihre Form integrieren können oder diesen in einer Bewegung der Distinktion externalisieren.

Arbeitsfeld 3: Ästhetische Dinge

Die Arbeiten in diesem Feld betrachten die Dynamik von Form und Dissens unter dem Aspekt von Dingen und der Materialität. Die handfeste „Dingwelt“ bildet mit dem ephemeren „Erscheingungsraum“ das „Inter-esse“ der gemeinsam zum Erscheinen gebrachten Welt (Arendt 1958) und kann für das demokratische Zusammenleben sowohl formgebende als auch formüberschreitende Funktion einnehmen. Wie beim Handeln, so ist auch bei Dingen das Ästhetische keine eigene Unterkategorie. Dinge sind ästhetisch, wenn sie aus bestimmter Perspektive betrachtet werden und wenn eine bestimmte Umgangs- bzw. Gebrauchsform der Dinge in den Fokus rückt. Ästhetische Dinge müssen im Zusammenhang mit Praktiken betrachtet werden, denn Dinge sind „in soziale Praktiken eingebunden“ (Reckwitz 2016, 38) und zugleich das Produkt sozialer Praktiken (vgl. Appadurai 1986 und Latour/Weibel). Ausgehend von John Dewey (1939) setzen wir voraus, dass die Praktiken des demokratischen way of life konkurrierende Vorstellungen und Darstellungen der Gemeinschaft hervorbringen. Diese Vorstellungen und Darstellungen werden in ästhetischen Dingen „artikuliert“ (vgl. Taylor 1988, 38-41), sei es in Waren, der Ausgestaltung des privaten und öffentlichen Raumes, den Künsten oder Formen medialer Kommunikation. Für die Demokratie nehmen ästhetische Dinge eine wesentliche Funktion ein, denn mit Arendt gedacht verleihen sie dem politischen Erscheinungsraum, der immer wieder reaktualisiert werden muss, eine zeitliche Stabilisierung. Unabhängig davon, dass ständig neue Dinge produziert werden, werden bereits vorhandene Dinge vorgefunden und bleiben über den Vollzug der sozialen Handlung hinaus bestehen. Dinge verweisen dabei auf ihre Materialität, so wie die politische Welt auf die „Erde“ verweist, die sie ermöglicht. Dies stellt Demokratien vor grundsätzliche Herausforderungen, die ein selbstverständliches „Wohnen“ als ausbeuterische Vernutzung in Frage stellen – selbst wenn sie „demokratisch legitimiert“ wäre. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Kategorie der Dinge auf die nicht hergestellten „Dinge“ der Natur ausweitet (womit schon gesagt ist, dass dieses Verständnis von Dingen von einer ihnen innewohnenden Lebendigkeit oder zumindest Agency ausgeht [Latour 2001, 2014], z. B. als „vibrant matter“ [Bennett 2009]). So ergibt sich etwa beim Klimaschutz aus der Trägheit der Naturkreisläufe die Notwendigkeit für langfristige politische Handlungshorizonte, die mit der kurzfristigen Zukunftsbezogenheit responsiven demokratischen Aushandelns (zumindest bisher) in Konflikt gerät (vgl. Abadi, Moellendorf). Autoritäre Gesellschaften versuchen das Problem dieser unterschiedlichen Zeithorizonte dadurch zu lösen, dass sie die politische Herrschaft auf Dauer stellen. Die Demokratie braucht andere Methoden, um dieses Dilemma zu bearbeiten. In Philosophie und den Künsten lassen sich weit zurückreichende Traditionen untersuchen, die die zeitliche Inkongruenz von Natur und Demokratie entweder ästhetisch produktiv machen oder sie zu überwinden trachten – so etwa im amerikanischen Transzendentalismus (Bennett 2002, Buell 1995, Cavell 2003, Guthrie, Schaefer 2020, van Rahden/Völz, Voelz 2010, Voelz 2019). Mit interdisziplinärer Anthropozänforschung (Latour, Haraway, Nixon, Bennett 2020), Ecocriticism (Buell 2003, Schaefer 2004, Zapf), Posthumanismus (Wolfe, Braidotti, Clarke), New Materialism (DeLanda, Meillassoux) und Biopolitik (Lemke, Campbell und Sitze, Felcht 2016a) stehen eine Vielzahl von Forschungszusammenhängen bereit, die der Forschung des GRK zu den ästhetischen Dingen der Demokratie Kontur und Resonanzräume verleihen.

Exemplarischer Themenkomplex 3:
Mit Blick auf die Ebene der „ästhetischen Dinge“ adressiert der dritte beispielhafte Forschungskomplex das in den letzten Jahren gewachsene Interesse an ökologischen und naturtheoretischen Fragen und Theorieentwicklungen. Strömungen wie der New Materialism und die neuen Ökologien haben unter anderem dazu geführt, dass sich Topoi und Rhetoriken wiederfinden, die man im weitesten Sinne der „Lebensphilosophie“ zuordnen kann und die lange Zeit, nicht zuletzt im deutschen Kontext, marginalisiert, fast tabuisiert waren. Eine Vielzahl von Autor*innen an der Schnittstelle von Philosophie, Literatur- und Kulturwissenschaften, Soziologie, Politischer Theorie und Ideen- und Wissenschaftsgeschichte unternehmen derzeit ambitionierte Versuche, neue Varianten eines zeitgenössischen Vitalismus zu entwickeln und auf dieser Grundlage politische Perspektiven zu entwickeln (Arsiç, Bennett 2009, Braidotti, Worms). Dies schlägt sich nieder in einem Verständnis von Materialität, das kategorische Unterscheidungen zwischen Mensch, Natur und Dingen zu überwinden versucht und damit sowohl Dingen als auch abstrakten Vergemeinschaftungen Eigenschaften des Lebendigen zuweist. Vielfach orientieren sich diese theoretischen Entwürfe an Literatur, denn für die Literatur ist es nichts Außergewöhnliches, dass die Dingwelt beseelt und die Tierwelt anthropomorphisiert wird. Damit öffnet sich für das GRK ein Themenkomplex, in dem es um die theoretische wie literarische Verlebendigung von Dingen vor dem Hintergrund „vitalistischer“ Demokratievorstellungen geht (s. auch Latours Rede vom „Parlament der Dinge“ [2002]). Das Erkenntnisinteresse läge darin, bei allem Vorbehalt gegenüber biologischen und organizistischen Metaphern die Lebens- und Überlebensbedingungen demokratischer Gemeinschaften beschreiben und etwas über politische Resilienz- und Regenerationsmechanismen aussagen zu können – gerade vor dem Hintergrund neu entworfener Beziehungen zwischen politischer Gemeinschaft, Natur und Dingen. Damit rücken die Implikationen, von einer „Form des Zusammenlebens“ zu sprechen, ins Zentrum der Untersuchungen.

Arbeitsfeld 4: Ästhetische Erfahrung

Die vierte Ebene unseres Modells bezieht sich auf die kollektive Dimension sinnlicher Erfahrung. Hierfür verwenden wir den klassischen Begriff „ästhetische Erfahrung“. Wir verstehen ihn in seiner breiten Ausdeutung. Er bezieht sich auf die von sinnlichen Reizen, Gegenständen und Interaktionen ausgelösten Affekte, Emotionen, Gefühle und Sinnbildungen sowie auf deren Vermittlung oder Artikulation, nicht zuletzt in (sozialen) Medien. Mit anderen Worten verstehen wir unter ästhetischer Erfahrung Aktualisierungen von Affekt- und Gefühlsstrukturen sowie deren korrelierende Eröffnung von Sinnräumen. Eine konkurrierende Definition von ästhetischer Erfahrung, die diesen Begriff Kunsterfahrungen vorbehält, welche in einem subjektiven Reflexionsprozess gipfeln, betrachten wir als Untergattung (Deines et al., Kern/Sonderegger, Shusterman/Tomlin). Auch gehen wir – entgegen einer an Deleuze und Massumi orientierten Denkströmung – nicht davon aus, dass sich Affekte kategorisch von Emotionen und Gefühlen trennen lassen, weil sie vermeintlich vorsozial, präkognitiv und autonom seien. Produktiver für die Analyse der ästhetisch-affektiven Erfahrung des demokratischen Zusammenlebens erscheinen uns Ansätze, die von subjektiv erlebten Affekten ausgehen und gleichzeitig ihre notwendige Mediatisierung, kognitive Verarbeitung oder formale Beschreibbarkeit in Rechnung stellen (Ahmed, Berlant, Brenkman, Brinkema, Cvetkovitch, Stewart, u. a.). Unsere Annahme lautet, dass das Zusammenleben in der Demokratie von Affekten, Emotionen und Leidenschaften durchzogen ist, die kollektive Muster erkennen lassen. Diese sind als auch ästhetische Formen zu begreifen und zu analysieren. Sie bleiben nicht beim fühlenden Individuum stehen, sondern vermitteln sich als Stimmung, Atmosphäre, Einfärbung des Sinnraums oder durch die bewusste Kommunikation von Gefühlslagen. Wenn demokratische Sozialität darin besteht, dass Individuen und Kollektive entweder miteinander oder in Abgrenzung voneinander bestimmen, wie sie ihre gemeinsame Existenz gestalten (Slaby/Bens 349), so sind ihre diskursiven und deliberativen Aushandlungsmodi immer in affektive Atmosphären getaucht. Affektiv eingebettet sind aber nicht nur Praktiken politischer Aushandlung, sondern auch vermeintlich unpolitische soziale Interaktionen. Die Form des demokratischen Zusammenlebens ist mitgeprägt von „Gefühlsstrukturen“ (Raymond Williams) und „affektiven Landschaften“ (Lawrence Grossberg), deren Grenzen nicht deckungsgleich sind mit etablierten Unterscheidungen von „politisch“ und „vorpolitisch“ bzw. „öffentlich“ und „privat“. Zugespitzt auf die übergeordnete Fragestellung des GRK – wie lassen sich die Dynamiken zwischen Form und Umformung im demokratischen Zusammenleben näher bestimmen? – erscheint die Dimension der ästhetischen Erfahrung als ein noch weithin unerforschtes Gebiet. Da kollektive Gefühlsmuster sowohl den Kampf um Umformung als auch denjenigen um Formbewahrung begleiten, stellt sich die Frage, ob sich in den Auseinandersetzungen um das demokratische Zusammenleben eine „Grammatik“ kollektiver Emotionen ausmachen lässt. Einschlägig sind Studien zu Euphorie (Mohrmann), Hoffnung (Appadurai 2007, Moellendorf), Zorn (Stauffer), Empörung (Innerarity, Creech), Neid (Ngai 2005, Völz 2017), Ressentiment (Fassin), Ekel (Menninghaus, Wolff, Ngai 2005) sowie zur Langeweile (Anderson, Gräfe), doch fehlt es bisher an Systematisierungen zur affektiven Dynamik demokratischer Auseinandersetzungen von Sinn und Sinnlichkeit.

 

Kollektive Emotionen und ihre ästhetische Formgebung markieren zudem auch jene Bereiche, in denen das demokratische Zusammenleben an seine Grenzen stößt, sei es angesichts populistischer und illiberaler Angriffe (Hediger/Simon, Illouz, Levitsky/Ziblatt, Runciman, Mounk, Voelz/Freischläger 2019), sei es angesichts tief liegender Ausschlussmechanismen. Die „Social Death“-Diagnosen des Afropessimismus etwa, die von einem ontologischen Ausschluss des Schwarzen Körpers aus der politischen Gemeinschaft ausgehen (Wilderson, im Anschluss an Patterson), beziehen ihre Anschaulichkeit u. a. aus dem Umstand, dass die Gefühlsstrukturen, die dem anti-Schwarzen Rassismus unterliegen, scheinbar eine transhistorische Beständigkeit aufweisen. Dominante Gefühlsstrukturen können die demokratische Aushandlung offenbar geradezu ausbremsen. In Reaktion auf sie formulieren Schwarze Künstler*innen und Theoretiker*innen Gegenstrategien, die ihrerseits im Bereich ästhetischer Verfahren und Formbildungen liegen, wie die Vertreter*innen der „Black Aesthetic“ gegenwärtig herausarbeiten (Bradley, Hartman 2019, McKittrick 2021, Moten 2018, Weheliye). Für die Erforschung der ästhetischen Erfahrung der Demokratie stellt sich damit die Aufgabe, Formen sowohl des demokratischen Zusammenlebens in den Blick zu nehmen als auch eines Lebens, dessen „Zusammen“ gerade infrage steht.

Exemplarischer Themenkomplex 4:
Der vierte beispielhafte Forschungskomplex thematisiert „ästhetische Erfahrung“ im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Genres sozialer Medien und politischer Gewalt in Indien. Soziale Medien-Plattformen wie WhatsApp, WeChat, X und TikTok, die die medialen Infrastrukturen heutiger globaler Digitalkulturen bereitstellen, sind durchzogen von Techniken und Affekten des Krieges. Von dieser Militarisierung der medialen Alltagssozialität zeugen einer Reihe von – in der globalisierten anglophonen Welt gebräuchlich gewordenen – Begriffsbildungen, darunter „online troll armies“, „digital warriors“, „camouflage“ und „infiltration“. So sind neue Kriegstechniken entstanden, deren Gewalt zugleich im Virtuellen wie im Realen angesiedelt ist. Das Bindeglied zwischen beiden Sphären bilden starke sinnliche Erfahrungen, die körperliches Empfinden (bis hin zur körperlichen Versehrtheit), Imagination und kognitive, diskursive sowie remediatisierende Prozessierung miteinander verbinden (Bolter/Grusin, Erll/Rigney). Die von illiberalen und populistischen Kräften herausgeforderte Demokratie Indiens ist gegenwärtig ein paradigmatisches Beispiel für derlei hybride Formen der Alltagsmilitarisierung und Gewalt (s. auch Malreddy). Die damit verbundenen ästhetischen Erfahrungen werden untersuchbar, indem die Beziehungen zwischen digitalen Medientechnologien des Alltags, bildgebenden Praktiken sowie Formen von Gewalt in den Blick genommen werden. Insbesondere die Untersuchung von Genres sozialer Medien – von Telegram-Kanälen bis hin zu Do-it-yourself Lynch-Videoanleitungen – verspricht Einblick zu geben in Öffentlichkeiten, in denen Hass und Gewalt entbrannt sind. Auf diese Weise eröffnet sich ein medienanalytisches Forschungsfeld, das ein genaues Verständnis davon liefern kann, wie die politische Kultur des autoritären Populismus der Modi-Regierung – die bei den Parlamentswahlen 2024 zum Gegenstand weit geteilten Dissenses wurde – ein Affektspektrum von Angst, Schuld, Scham, Ärger, Hass und Verrat schürt und instrumentalisiert (Gudavarthy 2019, 2023), und wie sich dieses in der Alltagswelt des demokratischen Zusammenlebens niederschlägt.