Alican Şimşek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand im DFG-geförderten Graduiertenkolleg 3113 „Ästhetik der Demokratie“ an der Goethe-Universität Frankfurt. Er studierte Englisch und Deutsch im „Fächerübergreifenden Bachelor“ an der Leibniz Universität Hannover und schloss dort anschließend die Masterstudiengänge „Lehramt an Gymnasien“ und „North American Studies“ ab. Im Rahmen seines Studiums verbrachte er ein Semester an der Angelo State University in Texas mit Schwerpunkt auf amerikanischer Literatur.
In seinem Dissertationsprojekt Ageless Youth: Male Rejuvenation in American Print Cultures, 1900–1945 untersucht er, wie Printmedien Gemeinschaften hervorbrachten, in denen Männer mittleren und höheren Alters altersbezogene Ängste verhandelten, Hoffnungen auf Verjüngung ausdrückten und biopolitischen Mechanismen ausgesetzt waren, die den Zugang zur Öffentlichkeit an hegemoniale Körperideale knüpften. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zur Kritik der Demokratie sowie des ästhetischen Urteils, indem es zeigt, dass Sichtbarkeit und Teilhabe nicht universell gewährt wurden, sondern selektiv bedingt waren.

Forschungsinteressen:
•   Transnationale Amerikastudien
•   Literatur- und Kulturtheorie
•   Periodikaforschung
•   Chicana/o-Bewegung
•   Maritime Geschichte und Kultur der USA
•   Digital Humanities

Ageless Youth: Male Rejuvenation in American Print Cultures, 1900–1945

Ausgehend von einem Verständnis, das demokratisches Zusammenleben als sinnlich erfahrbare Praxis begreift, untersucht Alican Şimşeks Dissertationsprojekt den Diskurs um männliche Verjüngung in amerikanischen Printmedien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum stehen dabei zwei miteinander verflochtene, wenn auch scheinbar widersprüchliche Dynamiken, die das Zugehörigkeitsgefühl männlicher Subjekte beeinflussen. Einerseits gelten Printmedien – insbesondere Zeitschriften und Magazine – seit langem als Räume kultureller Aushandlung, in denen Gemeinschaften und zahlreiche Bedeutungen entstehen. Die Tatsache, dass Männer dort offen über altersbedingten körperlichen „Verfall“ sprechen und diesen problematisieren konnten, verweist auf demokratische Teilhabe. Andererseits zeigt die massenmediale Verbreitung von Verjüngungspraktiken, dass biopolitische Mechanismen „ältere“ Männer dazu anhalten, hegemonialen Körpernormen zu entsprechen. Dadurch scheinen gesellschaftliche Sichtbarkeit und Partizipationsmöglichkeiten zunehmend an Vitalität, Gesundheit, sexuelle Potenz und körperliche Attraktivität gekoppeltzu sein. Die Arbeit nutzt genau dieses Spannungsverhältnis von Inklusion und Exklusion als analytischen Ausgangspunkt.
Als Primärquellen nutzt das Projekt Zeitungen, Zeitschriften und Broschüren und untersucht, wie Werbeanzeigen, Erfahrungsberichte sowie Gesundheits- und Lifestylebeiträge eine „Wiederherstellung“ von Jugendlichkeit propagieren. Trotz ihrer unterschiedlichen kommunikativen Funktionen verbindet diese Textsorten der gemeinsame Versuch, lineare Vorstellungen von Zeitlichkeit herauszufordern. Besonders deutlich wird dies durch eine rückwärtsgewandte Sehnsucht nach Jugend, die zunächst im Widerspruch zur zukunftsorientierten Logik der Moderne zu stehen scheint. Es sind jedoch gerade diese spezifischen nicht-linearen Zeiterfahrungen – zusammen mit ästhetisierten Körperbildern, die in den USA zirkulierten – die bemerkenswerte Implikationen für männliche Subjekte, Lesergemeinschaften und Männlichkeitskonfigurationen mit sich bringen. Daher stehen im Mittelpunkt der Untersuchung gesteigerte Selbstwahrnehmungen, die durch Modernisierungsprozesse ermöglicht wurden, sowie komplexe Aushandlungen darüber, was es bedeutet, „erneut“ jung zu sein. Methodisch kombiniert die Studie Close und Distant Reading und legt besonderen Fokus auf Netzwerkanalyse, um Akteure, Orte, wiederkehrende altersbezogene Ängste und Anti-Aging-Strategien transregional zu erfassen.