Anna Bitter arbeitet als Filmwissenschaftlerin und in der künstlerischen Forschung in Frankfurt am Main und in Berlin. Sie promoviert am DFG-geförderten Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ an der Goethe-Universität Frankfurt.
Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitete sie für verschiedene Kunstinstitutionen und in der Filmproduktion unter anderem für die Filmgalerie 451 (2019-2024) und die Berlin Biennale.
Als Mitglied der Ateliergemeinschaft Westhafen erforscht sie mit Formaten wie der Spazierwerkstatt sowie entlang skulpturaler Arbeiten künstlerisch urbane Landschaften. Ihre interdisziplinäre Forschung befragt Umgebungen des Alltags und sucht nach Möglichkeiten ihrer Überschreitung durch feministische Praktiken der Umschrift und des Verlernens. Ihre Arbeiten können die Gestalt von Seminaren, Lesegruppen, oder einer Parkbank annehmen. Sie erklärt diese zu Orten und Architekturen des Neu- und Umerzählens; des feministischen Fabulierens jenseits der Vorschrift. Anna studierte Film- und Theaterwissenschaft an der FU Berlin sowie Bildende Kunst an der HFBK Hamburg im Studienschwerpunkt Theorie und Geschichte.
Ästhetik der Nachbarschaft: Darstellungen nachbarschaftlicher Mikrogemeinschaften im Film
Meine Dissertation untersucht Darstellungen von Nachbarschaften und Ästhetiken des Zwischenraums im dokumentarischen und semidokumentarischen Film zwischen 1968 und 1992. Im Zentrum stehen die aktivistischen Filme aus dem Kontext der politisierten Filmhochschulen und selbstorganisierten Filmkollektive in Ost- und West-Deutschland. Ein besonderer Fokus wird dabei auf den Arbeiten feministischer und migrantischer Filmemacherinnen liegen: Helga Reidemeister, Elfi Mikesch, Petra Tschörtner, Irena Vrkljan und Chetna Vora. Sie richten in ihren Filmen den Blick auf Stadträume und auf Formen kleinräumiger Gemeinschaftsorganisation – Familien, Hausgemeinschaften, migrantische Nachbarschaften und Arbeiterviertel. Im Unterschied zu Architekturfotografien und Auftragsfilmen, die den organsierten Wohnungsbau im Sinne ihrer Bauherren als Erfolgsprojekte der Demokratisierung inszenieren, verschieben die genannten Filmemacherinnen die Aufmerksamkeit auf die spontanen, konflikthaften Aushandlungsprozesse des Zusammenlebens. Sie machen die Funktionalisierungen ganzer Bezirke und ihren Anschluss an Industriezweige und kapitalistische Produktion sichtbar; zeigen prekäre Lebensumstände in Arbeiterbezirken, aber lenken den Blick immer wieder auch auf Formen des improvisierten Alltags und des freien Spiels mit den Strukturen.
Aus heutiger Perspektive lassen sich die Filme als visuelle Archive von Formen der Selbstverwaltung und Organisation in urbanen Ballungszentren verstehen. Sie verschieben den Fokus von zentralisierten Macht- und Planungsinstanzen hin zu den gestalterischen Kräften lokaler Initiativen, intergenerationeller Verflechtungen und transtemporaler Gemeinschaftsbildungen. Stadt erscheint dabei nicht länger als Ergebnis architektonischer oder administrativer Planung, sondern als fortlaufender Prozess und Archiv gemeinschaftlicher Raumproduktion.
Meine Dissertation schließt an stadtsoziologische Diskurse zur Bedeutung urbaner Räume für demokratische Gesellschaften an (Jane Jacobs, Richard Sennett und Henri Lefebvre) und erweitert diese um eine filmwissenschaftliche Perspektive. Ich argumentiere, dass die untersuchten Filme demokratische Praxis weniger auf institutioneller Ebene verorten als vielmehr in den alltäglichen Formen räumlicher Koexistenz und kollektiver Handlungsfähigkeit. Gerade vor dem Hintergrund gegenwärtiger Proklamationen einer Krise der liberalen Demokratie gewinnen die filmischen Entwürfe urbaner Gemeinschaft neue Aktualität: Dort wo sich heute ein allgemeines Ohnmachtsgefühl einzuschleichen droht, erschließen sie den Stadtraum als Erfahrungsraum politischer Teilhabe und damit als Wurzelwerk zukünftiger demokratischer Systeme.