Julius Schwarzwälder ist Doktorand im Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der TU Darmstadt, dort auch an einem Forschungsprojekt zur Geschichte der Bioethik beteiligt. 2024 erwarb er den MA Philosophie an der TU Darmstadt, 2025 den MA Ästhetik an der Goethe-Universität Frankfurt. Seine Abschlussarbeiten befassten sich mit der Geschichte des Begriffs der Lebensform und der Bewegung der Sozialästhetik (1870–1930), sowie der rechtlichen und ästhetischen Institutionalisierung künstlerischer Forschung.
2025 war er Stipendiat und Gast am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie, half dort ein Forschungsprojekt zum Werk von Cornelia Vismann organisieren. Auslandsaufenthalte führten ihn an die London School of Economics und die ENS Ulm. Seit 2022 organisiert er mit Martin Renz die GRADE-Initiative „Ästhetik demokratischer Lebensformen“. Als freiberuflicher Journalist hat er für Table.Media vierzig Berichte und Analysen in den Ressorts Forschung und China verfasst.

Der Hass der Verwaltung

Wenige Qualifizierungen von Personen aus Politik und Kunst sind verdammender, als dass sie ‚bloße Verwalter*innen‘ seien. Die Beständigkeit negativer Valorisierungen von Ordnungsvollzügen ist in diesen beiden Gebieten beachtlich. Von der Kritik des Frühliberalismus bis zur Kritik der Digitalisierung fungiert ‚Verwaltung‘ als eine mitunter metaphorische Figur für die Stilllegung ästhetischer und politischer Regsamkeit. Angesichts der vielen Formen von Unterdrückung, die durch sie realisiert worden sind, scheint ihre prinzipielle Missbilligung keiner weiteren Erklärung nötig. Die Antithetik zwischen ‚dem Politischen/Ästhetischen‘ und ‚dem Verwalterischen‘ läge demnach in der grundsätzlichen Verachtung des Letzteren. Das Promotionsvorhaben verfolgt jedoch eine andere These. Sie lautet, dass diese Antithetik historisch bedingt ist und strukturelle Gründe in den jeweiligen Begriffen hat. Zu untersuchen sind darum die geschichtlichen Ursachen für die Persistenz dieser Aversion, die sich öfter denn nicht als ungewollte Verwandtschaft erwiesen hat.
Parallel dazu läuft die Frage, ob Verwaltungen selbst ästhetische Leistungen vollbringen. Etwas allgemein gesprochen könnte man sagen, dass die Form des Verwaltens darin besteht, Formatierungen umzusetzen. Als Ordnungsinstanzen installieren sie Verbindlichkeiten, die zur Texturierung von Wirklichkeit beitragen. Die Evidenz der durch sie exekutierten Entitäten bleibt aber höchstens bruchstückhaft. In Ermangelung ‚eines‘ Adressaten sind Verwaltungsstätten diejenigen Systemstellen großskaliger Organisationen, die deren Erfahrbarkeitsdefizite bearbeiten müssen. So ist ein bürokratisch organisierter Staat ein an sich unerfahrbares Objekt, dessen Subjekte ‚ihn‘ dennoch in der Erfahrung ihrer Verwaltung mindestens mittelbar zu spüren bekommen. Unter der Annahme, dass der Möglichkeitsspielraum kollektiver Selbstbestimmung ohne administrative Handlungsformen drastisch limitiert bleibt, und in Anbetracht der Tatsache, dass Bürokratie ein Element jeder modernen Regierungsform ist, liegt in der Untersuchung ihrer ästhetischen Leistungsfähigkeit ein Beitrag zu der Frage, ob und inwiefern Verwaltungen auf der Ebene ihres Erscheinens und Wirkens spezifisch demokratisch verfasst sein können.

Robert Seymour, The March of Intellect (ca. 1928)

Publikationen

Herausgaben

Renz, Martin und Julius Schwarzwälder, Herausgeber. Spaces of Appearance: Aesthetics and Politics After Analogy. transcript, 2025.

Aufsätze 

Schwarzwälder, Julius. „Verlaufende Verbindlichkeit: Mikrogenres auf TikTok“. kritische berichte, Bd. 53, Nr. 1, 2025, S. 8–18.
Schwarzwälder, Julius. „Über einige Bedingungen gegenwärtiger ART (Artistic Research Theory)“. Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Bd. 72, Nr. 1, 2024, S. 13–35.

Buchkapitel

Schwarzwälder, Julius. „Vibes“. Glossar der Gegenwartsästhetik, herausgegeben von Moritz Baßler, Heinz Drügh und Nathan Taylor, Konstanz University Press, in Vorbereitung.
Renz, Martin und Julius Schwarzwälder. „Revolutions of the Senses“. Spaces of Appearance: Aesthetics and Politics After Analogy, herausgegeben von Martin Renz und Julius Schwarzwälder, transcript, 2025, S. 76–109.
Renz, Martin und Julius Schwarzwälder. „What Are and To What End Do We Study Spaces of Appearance?“. Spaces of Appearance: Aesthetics and Politics After Analogy, herausgegeben von Martin Renz und Julius Schwarzwälder, transcript, 2025, S. 8–27.
Essays
Schwarzwälder, Julius. „Schönheitskalküle. Was passiert, wenn wir Schönheit berechnen lassen?“. form, Bd. 299/300, 2023, S. 62–69.
Schwarzwälder, Julius. „Anstumpfen, Auffransen“. Pocket Crumbs, herausgegeben von Paula Heinrich, Marina Köstel, Evelyn Roh, 2022, S. 99–125.

Rezensionen

Schwarzwälder, Julius. „Isabell Lorey – Democracy in the Political Present: A Queer-Feminist Theory“. LSE Review of Books, 25. April 2023.
Schwarzwälder, Julius. „Matthew DelSesto – Design and the Social Imagination“. form, Bd. 298, S. 140.

Lehraufträge

Winter 2025/26: „Technik und Wahrnehmungswandel“. MA Ästhetik, Goethe-Universität Frankfurt).
Sommer 2025: „Was sind und was machen Vibes?“. MA Ästhetik, Goethe-Universität Frankfurt.