Luna Vega ist Doktorandin im Graduiertenkolleg Ästhetik der Demokratie an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie absolvierte ihr Studium in Theater-, Film-, und Medienwissenschaft sowie Soziologie an der Goethe-Universität. Des Weiteren ist sie als Theater- und Soundkünstlerin tätig und Gründungsmitglied des Red Cinema Collective. Ihre Forschungsinteressen umfassen unter anderem politische Filmkulturen, Archiv- und Dokumentarpraxis, de-koloniale Theorie und feministische Mediengeschichte.

Arbeit in Frequenzen: Zur Akustik von Gastarbeit und vergeschlechtlichter Ausbeutung.

Was es bedeutete, Gastarbeiter*in zu sein, fand einige seiner prägnantesten Ausdrucksformen in der akustischen Dimension. 1984 singt Cem Karaca, was die bilateralen Anwerbeabkommen zwischen Westdeutschland und den Herkunftsländern nie so deutlich zum Ausdruck gebracht hatten: “Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an.” Durch (Klage-)Lieder, lärmende Fabrikhallen und die klanglichen Texturen häuslicher Räume werden die körperlichen und affektiven Dimensionen der Arbeitsmigration der Nachkriegszeit auf eine Weise ästhetisch greifbar, wie es schriftliche Aufzeichnungen und Bilder allein selten vermögen. Dies gilt insbesondere für geschlechterspezifische Formen der Ausbeutung, die nach wie vor systematisch verschleiert werden und deren akustisches Archiv bislang weit weniger wissenschaftliche Beachtung gefunden hat, als es verdient.

Ausgehend von Gertrud Pinkus’ Das Höchste Gut einer Frau ist ihr Schweigen (1980) und Serap Berrakkarasu’s Ekmek Parasi – Geld fürs Brot (1994) sowie zeitgenössischen Medienprojekten und Theaterproduktionen feministischer und migrantischer Filmemacher*innen und Künstler*innen, die an der Schnittstelle von Migration, Geschlecht und Arbeit tätig sind, untersuche ich den Mehrwert von Ton in Darstellungen der Arbeitsmigration von Frauen. Einen Wert, der – ebenso wie ihre Arbeit selbst – lange Zeit unberücksichtigt blieb. Vor dem Hintergrund audiovisueller Diskurse und unter Einbezug kritischer Perspektiven auf das Auditive (Pooja Rangan, Salomé Voegelin) befasst sich mein Projekt damit, was und auf welche Weise die gewählten Werke anklingen lassen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass audiovisuelle Medien diese Erfahrungen nicht bloß dokumentieren, sondern selbst Orte der Verhandlung von Arbeit, Geschlecht und Migration sind, untersucht mein Projekt diese als Schauplatz politischer Akustik und erfragt, wer unter welchen Bedingungen gehört werden kann. Während postmigrantische Narrative in der Kulturproduktion zunehmend Raum einnehmen, Migrantinnen jedoch weiterhin mit prekären Lebensbedingungen konfrontiert sind, verweigert sich ihre Geschichte der Historisierung. Doch wer profitiert von der Erinnerung an ihre Arbeit? Welche Formen der Ausbeutung bestehen bis heute fort? Und welche Arbeit bleibt ohne Anerkennung, auch wenn sie vernehmbar wird?