Arbeit in Frequenzen: Zur Akustik von Gastarbeit und vergeschlechtlichter Ausbeutung
Türkische Frauen, so eine westdeutsche Zeitung im Jahr 1968, seien leichter zu bekommen. Vor allem die Analphabetinnen. Trotz dieser abwertenden Rhetorik, in der sich die Verschränkungen von Klasse, Geschlecht und Race offenbaren, bleibt die öffentliche Erinnerung an Gastarbeit bis heute von männlichen Figuren dominiert. Die Fotografie von Armando Rodrigues de Sá, der bei seiner Ankunft in Deutschland als millionster Gastarbeiter ein Moped überreicht bekommt, ist zu einem zentralen Erinnerungsbild deutscher Migrationsgeschichte geworden. Während die Geschichte der Gastarbeit durch sozialwissenschaftliche Forschung und visuelle Archive umfassend dokumentiert wurde, sind ihre akustischen Dimensionen bislang vergleichsweise wenig erforscht.
Diese Leerstelle ist bemerkenswert, da die Geschichte der Gastarbeit eng mit Fragen der Erzählbarkeit sowie den Möglichkeiten und Grenzen von Artikulation verwoben ist. Gastarbeiterinnen waren einer doppelten Struktur der Ausbeutung ausgesetzt: Sie arbeiteten unter Bedingungen rassifizierter und rechtlicher Prekarität, sowohl in den Fabriken als auch im Haushalt. Gerade weil Sichtbarkeitsregime die von ihnen offengelegten Machtverhältnisse häufig reproduzieren, könnte das Auditive eine anders gelagerte Form der Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ermöglichen. Indem es die relationalen, affektiven und temporalen Dimensionen audiovisueller Medien untersucht, erfragt mein Projekt, welche Formen politischer Subjektivität durch Audio-Vision hervorgebracht werden. Da sich Klang in der Dauer entfaltet, während dem Bild häufig zugeschrieben wird, Momente festzuhalten, gewinnt die zeitliche Dimension für diese Untersuchung besondere Bedeutung.
Ob und wie die unterschiedlichen Temporalitäten von Klang und Bild in den untersuchten Werken politisch wirksam werden – als Einschreibung von Ausbeutung oder als Form von Präsenz –, ist eine der Fragen, denen das Projekt nachgeht. Wie hört man Bildern zu? Welche Bilder sind hörbar, und sind damit auch ihre Subjekte hörbar? Zentral hierbei sind Gertrud Pinkus’ Das Höchste Gut einer Frau ist ihr Schweigen (1980) und Serap Berrakkarasus Ekmek Parasi – Geld fürs Brot (1994) sowie diverse weitere Medienprojekte. Auf der Grundlage von Audiovisual Studies und feministische Theorien reproduktiver Arbeit werden diese Werke als ästhetische Orte gelesen, an denen die sinnlichen Bedingungen demokratischen Zusammenlebens verhandelt werden. Während migrantische Erzählungen in der kulturellen Produktion zunehmend an Sichtbarkeit gewinnen, sind migrantische Frauen weiterhin von Prekarität und Ausbeutung betroffen. Gerade deshalb bleibt die Geschichte der Arbeitsmigration eine Geschichte der Gegenwart. In Anlehnung an Max Frisch erinnert Cem Karaca daran: Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an.