Martha Crowe ist Doktorandin am DFG Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie”. Ihr Projekt, betreut von Prof. Sophie Loidolt, untersucht die Rolle des Rückzugs innerhalb demokratischer Strukturen und begreift Des-Engagement als grundlegend für das politische Leben. Ausgehend von einem Verständnis des Ästhetischen als einem breiten Spektrum sensorischer und erfahrungsbezogener Phänomene wird Rückzug als ein Prozess erforscht, der neue Potenziale entstehen lässt. Politischer Rückzug wird daher nicht als Symptom einer Demokratie in der Krise verstanden, sondern als kreativer und pluralistischer Akt.

Martha hat ihren Bachelor in Philosophie an der Universität Aberdeen und ihren Master an der Humboldt-Universität zu Berlin erworben, wo sie von 2022 bis 2023 Deutschlandstipendiatin war. Zuletzt war sie als studentische Hilfskraft im von der Volkswagen-Stiftung geförderten Projekt „The (trans)formation of a European sense of solidarity” an der Berlin School of Mind and Brain tätig.

Politischer Rückzug: Die affektive Grundlage des Des-Engagements und seine Konsequenzen für Demokratien

Das Politische wird gemeinhin so verstanden, dass es notwendigerweise Formen des Engagements umfasst – sei es durch die Ausübung des demokratischen Wahlrechts oder, allgemeiner, durch das Verhalten als „engagierte Bürgerin” bzw. „engagierter Bürger”. Entsprechend wird Desengagement als Antithese des Politischen betrachtet: als Symptom von Apathie, Entfremdung oder Ernüchterung. Doch diese Dichotomie übersieht die Komplexität des Rückzugs als politische und affektive Geste. Indem wir das Politische als ausschließlich durch Engagement konstituiert begreifen, schränken wir unsere Fähigkeit ein, das demokratische Leben zu theoretisieren.

Mein Projekt nimmt seinen Ausgang von einer einfachen Beobachtung: Weitverbreitete Ansätze zur Demokratie aus der Perspektive des Engagements verschleiern die gelebte politische Realität der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. Diese ist nämlich nicht in erster Linie durch Engagement geprägt, sondern durch Rückzug; Demokratie beruht nicht nur auf Engagement, sondern auch auf dessen Negation. Ausgehend von der Krise der Demokratien verfolgt und charakterisiert das Projekt den Rückzug in verschiedenen Registern des politischen Lebens. Von Wahlabstinenz und Boykotten bis hin zu Erschöpfung und individuellem Verweigern fungieren Rückzugsgesten in den makro- und mikropolitischen Sphären als wichtige Analysemomente. Anstatt diese Gesten als Erosion des politischen Willens abzutun, liest das Projekt sie als bedeutungsvolle Antworten auf demokratische Bedingungen – als Formen des Seins und Wahrnehmens im politischen Raum.

Drei zentrale Fragen leiten die Untersuchung: Was ist politischer Rückzug? Welche affektiven und sensorischen Komponenten hat der Rückzug innerhalb demokratischer Strukturen und Lebensformen? Welche Rolle spielt der Rückzug bei der Aufrechterhaltung oder der Neudefinition des demokratischen Lebens? Das Projekt zeigt schließlich, dass der Rückzug, weit davon entfernt, die Abwesenheit des Politischen zu sein, eine grundlegende Struktur demokratischer Erfahrung darstellt.

Publikationen

Crowe, Martha. “We Need to Talk A Museum’s Response to Political Polarization in Post-Unification Germany”. Spaces of Appearance: Aesthetics and Politics after Analogy, edited by Martin Renz and Julius Schwarzwälder, Bielefeld, transcript Verlag, 2025, pp. 52–75, doi.org/10.14361/9783839406847-003.