Paula Höhn promoviert im DFG-geförderten Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Fach Amerikanistik. Zuvor studierte sie an der Goethe-Universität Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (B.A.) sowie Amerikanistik (M.A.).
Ihr Dissertationsprojekt, betreut von Prof.in Heike Schäfer, untersucht zeitgenössische literarische Wieder- und Neuerzählungen (Retellings) kanonisierter Romane als demokratische Aushandlungsprozesse. Die Dissertation knüpft an die zentrale Fragestellung des Graduiertenkollegs nach der Ästhetik der Demokratie als Form des Zusammenlebens an und verbindet demokratietheoretische Ansätze mit Affekttheorie und Narratologie. Das Projekt untersucht, wie literarische Retellings durch ästhetische und inhaltliche Transformationen kanonische Werke rekonfigurieren und damit Formen demokratischer Praxis erfahrbar machen.
Projektbeschreibung
Mein Dissertationsprojekt untersucht zeitgenössische literarische Neu- und Wiedererzählungen (Retellings) kanonisierter Romane. Im Zentrum steht dabei die Annahme, dass Retellings nicht nur bestehende Texte neu erzählen und als eigenständige Werke auftreten, sondern stets in direkter Beziehung zu ihren historischen Ausgangstexten stehen und ihre Bedeutung erst im Zusammenspiel mit diesen entfalten.
Ausgangspunkt sind dabei sowohl ein Verständnis von Demokratie als Form des Zusammenlebens als auch ein zeitliches Verständnis von Demokratie, dem zufolge sie wesentlich auf eine offene Zukunft angewiesen ist.
Das Projekt verbindet Demokratietheorie, Affekttheorie und Narratologie und untersucht vor diesem Hintergrund, wie Retellings Spannungen zwischen Bewahrung und Umformung ästhetisch gestalten. Daran anknüpfend ist ebenfalls von Interesse, welche Perspektiven Neuerzählungen auf gegenwärtige Diskurse über die Krise der Demokratie eröffnen, die häufig an Vorstellungen einer sich verschließenden Zukunft geknüpft sind. Daraus ergeben sich für das Projekt folgende Fragen: Wie verhandeln Retellings gesellschaftliche Konflikte sowie unterschiedliche Vorstellungen demokratischen Zusammenlebens? Welche affektiven Strukturen durchziehen die Texte? Wie setzen sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer wieder aufs Neue miteinander in Beziehung und mit welchen Konsequenzen?
Der Korpus des Projekts umfasst zeitgenössische Neuerzählungen kanonisierter Romane, darunter Salman Rushdies Quichotte (2019), Barbara Kingsolvers Demon Copperhead (2022), Percival Everetts James (2024) und Xiaolu Guos Call Me Ishmaelle (2025). Mein Interesse an Retellings von Romanen begründet sich vor allem darin, dass sich für das Wieder- bzw. Neuererzählen von Romanen andere Voraussetzungen ergeben als beispielsweise im Fall von Märchen, Mythen oder mittelalterlichen Stoffen. So stellt das Projekt zugleich Fragen nach der Gattung des Romans selbst.
Was bedeutet es, wenn ein Roman durch das Wiedererzählen als reproduzierbar markiert wird? Ziel der Arbeit ist es, Retellings als eigenständige literarische Praktik zu untersuchen und dabei ihr demokratisches Potenzial zu analysieren.