Pauline Scholz ist Doktorandin im Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ an der Goethe-Universität Frankfurt unter der Betreuung von Prof. Achim Geisenhanslüke. Sie hat an dieser Uni, der Södertörn University Stockholm sowie der Sorbonne Nouvelle Paris 3 ihr Bachelor- und ihr Masterstudium in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft, respektive Comparative Literature, absolviert.

Ihre Forschung steht unter dem Leitfaden eines literaturwissenschaftlichen Ansatzes, der darüber hinaus durch Methoden der Kunstgeschichte, der Philosophie und den Film- und Medienwissenschaften interdisziplinär geprägt wird. Neben den Queer und Feminist Studies umfassen ihre Arbeitsschwerpunkte vor allem Holocaustforschung, deutschsprachige Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts und Übersetzungstheorie.

HIV/AIDS — Demokratisierendes Potential zwischen Literatur, Kunst und Aktivismus?

Mein Dissertationsprojekt bildet den Konzentrationspunkt mehrerer Problemstellungen. Es widmet sich zunächst dem Körper als Erfahrungsraum von Begehren und von Zeit — einem HIV-positiven, AIDS-erkrankten oder an der Infektion sterbenden Körper, dessen positiver Teststatus ihn in den Augen der Öffentlichkeit in unmittelbare Assoziation mit ungeschütztem nicht-normativen Geschlechtsverkehr brachte und dessen Ansteckung bis zur Entwicklung der Kombinationstherapie (und auch heute noch in vielen Fällen aufgrund von Unterversorgung) mit dem sicheren Tod in Verbindung gebracht wurde. Der Körper eines HIV-positiven oder AIDS-erkrankten Menschen stellt jene Elemente der Erfahrung — Zeit und Begehren — somit in spezifischer Art aus.

Jeder Ausdruck einer queeren Sexualität, jede ihrer Empfindungen, die im Rahmen der HIV/AIDS-Epidemie noch an Dringlichkeit gewinnen, stellen die heteronormative Matrix in Frage. Die radikal verkürzte Lebensdauer bringt einerseits das Zeitempfinden ins Bröckeln, das entscheidend für die Bildung moderner Subjektivität ist, und andererseits das Konzept linearer Zeitlichkeit, an dem sich unser positives Fortschrittsdenken nährt. So ist die HIV/AIDS-Krise zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zum einen eine unfassbare Katastrophe für die Betroffenen, zum anderen bringt sie unerbittlich die verdrängten Unzulänglichkeiten derjenigen Ideale ans Licht, die zu den tragenden Komponenten der Gesellschaften geworden sind, die sich als liberale Demokratien verstehen.

An diesem Punkt möchte ich nun einhaken und mit der Analyse literarischer Texte, der Auslegung von Kunstwerken und der Betrachtung aktivistischer Bewegungen in den USA und in Südafrika fragen, welches demokratisierende Potential sich zwischen diesen ästhetischen Formen im Rahmen der HIV/AIDS-Epidemie entfalten kann? Welche Perspektiven können sie eröffnen, um ein neues, flexibleres, offeneres und nachhaltigeres Verständnis von Demokratie zu entwickeln? Wie sieht schließlich ein Denken und Leben mit dem aus, was Eve Kosofsky Sedgwick „queer possibility“ nennt?