Robert Thyssen ist ein dänischer Doktorand an der Goethe-Universität, der sich unter der Betreuung von Martin Saar mit Foucaults Sozialphilosophie befasst. Er schloss 2023 sein Bachelorstudium der Philosophie an der New School ab und absolvierte in Kopenhagen ein Masterstudium der Vergleichenden Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt auf Kants Ästhetik. Neben der Mitbegründung einer eigenen Buchhandlung und eines Verlags hat er auch als Übersetzer gearbeitet.
Seine Forschungsinteressen sind der französische Poststrukturalismus, radikale Demokratietheorie, Kritische Theorie und deutscher Idealismus.
Eine demokratische Lebensform: Foucault und die Ästhetik der Wahrheit
Michel Foucaults Vorträge über kritische Wahrheitssagung (Parrhesia) bieten einen Rahmen, um Demokratie als eine historisch spezifische Politisierung der Wahrheit zu verstehen. Aus dieser Perspektive erscheint Demokratie nicht bloß als institutionelle Konfiguration, sondern als eine Praxisform, durch die Subjekte parrhesiastische Akte der Wahrheitssagung hervorbringen und durch diese selbst geformt werden.
Behält man diese Untersuchungsweise bei, eröffnet die Demokratie die Frage nach der Wahrheit auf radikale Weise – eine Offenheit, von der die Demokratie selbst lebt. Als eine Regierungsform, die vom Kampf um die Legitimität des Sprechers selbst abhängt, ist die Demokratie stets von ihre eigene Fähigkeit, ihre Legitimität zu begründen, bedroht. Der für die Demokratie charakteristische politische Spielraum setzt daher eine ästetische Diskurs exemplarischer Lebensformen voraus und erzeugt sie zugleich, die diese Legitimität in verbaler und politischer Aktivität sichern und möglicherweise bedrohen. Bedingt durch Risiko, Kritik und Freiheit, diese demokratische Ästhetik der Wahrheit transformiert sowohl das Selbst als auch den kollektiven Staatskörper.
Da der Demokratie nach dieser Auffassung jede äußere Grundlage oder transzendente Rechtfertigung jenseits ihres eigenen Kräftefeldes fehlt, muss sie als eine von Natur aus relationale und offene Verhandlung darüber verstanden werden, was Körper, Subjekte und Kollektive werden und tun können. In dieser Hinsicht sind die Fähigkeiten der Demokratie noch zu bestimmen: Wir wissen nicht, was eine Demokratie leisten kann. Ihre Macht muss stattdessen durch eine politische Analyse untersucht werden, die auf die spezifischen Konfigurationen von Fähigkeiten, Handeln und Herrschaft achtet, die demokratische Praktiken gleichzeitig ermöglichen und einschränken.