Profil des Graduiertenkollegs

In Öffentlichkeit und Wissenschaft wird Demokratie meist als Regierungsform aufgefasst: als Gefüge von Institutionen und Prozeduren, mithilfe derer politische Interessen gebildet, artikuliert und vertreten werden. Das Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ dagegen erforscht, was es bedeutet, Demokratie nicht nur als institutionellen, sondern als umfassenden Zusammenhang des kollektiven Lebens zu verstehen. Nach diesem Verständnis zählen zur Demokratie vielfältige Formen der Vergemeinschaftung auch unterhalb der staatlichen Ebene, etwa solche, die formal organisiert und instituiert sind (z. B. in Vereinen, Verbänden und Gewerkschaften), die das private Leben strukturieren (etwa in Familien) oder in momenthaften Verbindungen bestehen (z. B. Begegnungen im öffentlichen Raum). Verstanden als eine Form des Zusammenlebens gehören ferner die mediale und künstlerisch vermittelte Reflexion von Gemeinschaft sowie der Entwurf neuer Formen des Sozialen zu den Grundelementen der Demokratie. Keineswegs ist anzunehmen, dass diese unterschiedlichen Formen der Assoziation von Harmonie geprägt sind. Gekennzeichnet sind sie vielmehr durchweg auch von Streit, Unstimmigkeit und einer irreduziblen Vielfalt miteinander konkurrierender Perspektiven. Wir gehen von der Prämisse aus, dass Demokratie als Regierungsform auf Voraussetzungen beruht, die auf diesen unterschiedlichen Ebenen des sozialen Zusammenlebens gelegt werden. Die alltäglichen Praktiken und Erfahrungen des Zusammenlebens – im Konsens wie im Streit – bilden die Grundlage für die Stabilität, Revitalisierung und dynamische Weiterentwicklung von Demokratien. Fragen nach der Zukunftsfähigkeit und Resilienz der Demokratie, auch jenseits ihrer gegenwärtigen, keineswegs einheitlichen Verfasstheit, verlangen demnach zunächst ein genaueres Verständnis der Formen demokratischen Zusammenlebens.

Das Alleinstellungsmerkmal des Graduiertenkollegs besteht darin, bei der Erforschung des demokratischen Zusammenlebens den Fokus auf die sinnliche Dimension zu legen, das heißt: auf die Ästhetik der Demokratie. Bisherige Forschung zum demokratischen Zusammenleben hat sich auf Praktiken, Rituale und Normen der gelebten Demokratie konzentriert. Dabei haben Forschende unterschiedliche und für das GRK anschlussfähige konzeptuelle Zugänge entwickelt, darunter „way of life“ oder „Lebensform“, „politische Form der Gesellschaft“ und „soziale Demokratie“. Die Frage nach dem sinnlichen Erleben und der Erfahrungsdimension der Demokratie ist aber größtenteils unbearbeitet geblieben. Hier liegt die Innovation des Forschungsansatzes: Wenn es sich bei der Demokratie um eine Form des Zusammenlebens handelt, dann stellt sich die Frage, wie sich dieser zunächst unbestimmte Formbegriff der Demokratie konkretisieren lässt. Hierzu bedarf es einer Analyse der anschaulichen Formen des sozialen Lebens. An dieser Stelle setzt die Konzeption des Graduiertenkollegs an. Um das Ineinandergreifen von Regierungsform und Form des Zusammenlebens zu untersuchen, nutzt es Methodenbestände der Geisteswissenschaften, um im interdisziplinären Zusammenwirken von Literatur-, Kunst-, Film- und Medienwissenschaften, Geschichte sowie Philosophie die Ordnungen, Praktiken, Dinge und Erfahrungen zu untersuchen, die dem demokratischen Zusammenleben Form verleihen.

Demokratie, so unsere Ausgangshypothese, ist eine offene, reflexive Form des Zusammenlebens, die von Auseinandersetzungen darüber geprägt ist, wie sie gestaltet werden soll. Die Aushandlung ihrer Form ist ihre Form. Bezogen auf die Ästhetik bedeutet das: Demokratie ist erfahrbar, auch in sinnlicher Art und Weise, und sie ist zugleich geprägt von Auseinandersetzungen, die die Ausgestaltung des Sinnlichen zum Gegenstand haben. In dieser Ausgangshypothese steckt die Beobachtung einer inneren Spannung zwischen Institution und Instituierung, zwischen der stabilisierenden, Verbindlichkeit und Orientierung schaffenden Wirkung geronnener Form und der dynamisierenden, auf Veränderung abzielenden Wirkung der kontinuierlichen (Neu-)Aushandlung von Form. Diese Beobachtung führt zur übergeordneten Fragestellung des Graduiertenkollegs: Wie lässt sich die Spannung zwischen Form und Umformung mit Blick auf die Ästhetik der Demokratie an einzelnen Untersuchungsgegenständen näher bestimmen und welche ihrerseits sinnlich erfahrbaren Formen nimmt diese Spannung an?

Der Bearbeitung dieser übergeordneten Fragestellung nähert sich das Graduiertenkolleg mittels einer Heuristik, die vier Ebenen der Ästhetik der Demokratie voneinander unterscheidet: a) ästhetische Ordnungen, b) ästhetisches Handeln, c) ästhetische Dinge und d) ästhetische Erfahrung. Die vier Dimensionen können nicht voneinander isoliert betrachtet werden; vielmehr geht das Programm des GRK davon aus, dass sie miteinander interagieren. Die in unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen angesiedelten Promotionsprojekte sollen Aufschluss darüber geben, ob und wie sich die Spannung zwischen Form und Umformung, die das demokratische Zusammenleben kennzeichnet, jeweils besonders oder vorrangig mit Blick auf ästhetische Ordnungen, ästhetisches Handeln, ästhetische Dinge oder die ästhetische Erfahrung der Demokratie konturieren und systematisieren lässt.

Aus den genannten vier heuristisch unterschiedenen Dimensionen leiten sich die vier gleichnamigen Arbeitsfelder des GRK ab. Je nach Forschungsgegenstand und -methode werden die einzelnen Promotionsprojekte einem Arbeitsfeld zugerechnet. Ausschlaggebend für die Zuordnung ist die Frage, welche der vier Dimensionen im Zentrum des jeweiligen Forschungsprojekts steht. Zugleich untersuchen die Arbeiten die Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen. Wir gehen davon aus, dass erst hieraus Einsichten zum Spannungsverhältnis zwischen Form und Umformung gewonnen werden können.

Der Kreis der PIs ergibt sich aus der erforderlichen disziplinären Perspektivenvielfalt auf die Ästhetik der Demokratie. Vinzenz Hediger, Antje Krause-Wahl und Laliv Melamed bringen Expertise zu visueller Kultur und Medien in das GRK ein. Frederike Felcht, Achim Geisenhanslüke und Heike Schäfer tragen Aspekte literarischer Ästhetik bei, die sich teils thematisch, teils formal und teils gattungshistorisch auf Demokratie beziehen. Heinz Drügh, Andreas Fahrmeir, Johannes Völz und Zhiyi Yang beschäftigen sich mit der politischen Ästhetik der Demokratie, teils im historischen Rückgriff, teils mit Fokus auf populäre Gegenwartsästhetik. Sophie Loidolt und Martin Saar schlagen die Brücke zur Reflexion der Demokratie in der politischen Theorie und zur Sozialphilosophie.

Ziel des Graduiertenkollegs ist es, mit der Ausbildung von exzellenten Forscher*innen in frühen Karrierestufen einen innovativen Beitrag zur Entwicklung interdisziplinärer Demokratieforschung zu leisten, die das Erkenntnispotential der Geisteswissenschaften ausschöpft und erweitert.

Beteiligte Institutionen und Partner

Neben der antragstellenden Goethe-Universität Frankfurt und der durch die Ko-Sprecherin beteiligten TU Darmstadt sind mit der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main und der Hochschule für Bildende Künste – Städelschule weitere akademische Einrichtungen aus der Region mit Expertise in Ästhetik und Gesellschaft als Kooperationspartner eingebunden. 18 internationale Partnerinstitute auf fünf Kontinenten (Afrika, Südamerika, Nordamerika, Süd- und Ostasien, Europa) erweitern die Kompetenzen vor Ort und stärken Perspektiven, die etablierte europäisch-atlantische Zugänge zur Demokratie rekontextualisieren, hinterfragen oder ergänzen. Der Ansatz des Graduiertenkollegs verschreibt sich programmatisch dem Leitgedanken der Public Humanities. Das GRK hat 13 außeruniversitäre Partnerschaften mit zivilgesellschaftlichen Einrichtungen und öffentlichen Institutionen – von der kommunalen Ebene bis zum Bund – aufgebaut. Gemeinsam mit ihnen entwickeln die Kollegiat*innen Transferprojekte, die es erlauben, in der Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Akteur*innen vorläufige Forschungsergebnisse zu reflektieren und die so gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen zurück in die Forschungsprojekte fließen zu lassen. Die Kollegiat*innen tragen auf diese Weise zur Intensivierung des Austauschs zwischen Geisteswissenschaften und Gesellschaft bei, und sie geben Anstöße zur innovativen Weiterentwicklung interdisziplinärer Demokratieforschung.