In Öffentlichkeit und Wissenschaft wird Demokratie meist als Regierungsform aufgefasst: als Gefüge von bestimmten Institutionen und Prozeduren, mithilfe derer pol*itische Interessen gebildet, artikuliert und vertreten werden. Das Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ dagegen erforscht, was es bedeutet, Demokratie nicht nur als institutionellen, sondern als einen lebensweltlichen Zusammenhang der kollektiven Koexistenz zu verstehen. Damit wird das Augenmerk auf Formen der Vergemeinschaftung gelegt, die unterhalb der staatlichen Ebene stattfinden und in diesem Sinn auch nicht nur in „real existierenden Demokratien“ verwirklicht sein müssen. Diese finden sich eventuell in Kunst und Kultur, aber auch in Vereinen, Verbänden oder momenthaften Begegnungen im öffentlichen Raum.
Die Ausgangshypothese des Graduiertenkollegs versteht Demokratie als eine offene, reflexive Form des Zusammenlebens, die von öffentlichen Auseinandersetzungen darüber geprägt ist, wie sie gestaltet werden soll. Die Aushandlung ihrer Form ist ihre Form. Bezogen auf die Ästhetik bedeutet das: Demokratie ist erfahrbar, auch in sinnlicher Art und Weise, und sie ist zugleich geprägt von Auseinandersetzungen, die die Ausgestaltung des Sinnlichen zum Gegenstand haben. In dieser Ausgangshypothese steckt die Beobachtung einer inneren Spannung zwischen Institution und Instituierung, zwischen der stabilisierenden, Verbindlichkeit und Orientierung schaffenden Wirkung geronnener Form und der dynamisierenden, auf Veränderung abzielenden Wirkung der kontinuierlichen (Neu-)Aushandlung von Form. Diese Beobachtung führt zur übergeordneten Fragestellung des Graduiertenkollegs: Wie lässt sich die Spannung zwischen Form und Umformung mit Blick auf die Ästhetik der Demokratie an einzelnen Untersuchungsgegenständen näher bestimmen und welche ihrerseits sinnlich erfahrbaren Formen nimmt diese Spannung an?
Unsere Annahme ist, dass Formen der demokratischen Assoziation keineswegs nur von Harmonie geprägt sind. Gekennzeichnet sind sie vielmehr durchweg auch von Streit, Unstimmigkeit und einer irreduziblen Vielfalt miteinander konkurrierender Perspektiven. Die alltäglichen Praktiken und Erfahrungen des Zusammenlebens – im Konsens wie im Streit – bilden die Grundlage für die Stabilität, Revitalisierung und dynamische Weiterentwicklung von Demokratien. Fragen nach der Zukunftsfähigkeit und Resilienz der Demokratie, auch jenseits ihrer gegenwärtigen, keineswegs einheitlichen Verfasstheit, verlangen demnach zunächst ein genaueres Verständnis der Formen demokratischen Zusammenlebens.
Ein Verständnis von Demokratie nicht nur als politisches System sondern als eine Form des Zusammenlebens kann sich auf eine reichhaltige Tradition innerhalb der politischen Philosophie und Theorie berufen. Diese reicht zurück auf Denker aus der Gründungsphase moderner Demokratien wie etwa Jean-Jacques Rousseau, Montesquieu und Immanuel Kant und wurde im 19. Jahrhundert auf vielfältige Weise – etwa von G.W.F. Hegel, Alexis de Tocqueville und J.S. Mill – weitergeführt. So sehr sich diese Denker auch unterscheiden: Auf die eine oder andere Weise erörtern sie alle die Bedeutung von Sitten, Ritualen und Formen der Geselligkeit für die Verfasstheit von Demokratien. Im 20. Jahrhundert entwickelten unterschiedliche Denkschulen die Idee eines Zusammenhangs von Regierungsform und Form des Zusammenlebens auf bis heute nachwirkende Weise weiter. Hierzu zählen der amerikanische Pragmatismus, der mit John Dewey und Sidney Hook die Demokratie als „way of life“ fasst deliberative Demokratietheorie, die die Demokratie nicht nur als Staatsform, sondern als Form öffentlichen Beratens und vernunftgeleiteten Aushandelns versteht, die an Ludwig Wittgenstein orientierte ordinary language philosophy, die Demokratie als eine von geteilten Sprachspielen, Alltagspraktiken und Hintergrundüberzeugungen fundierte „Lebensform“ begreifbar macht. In diesem Zusammenhang zu nennen ist auch die radikale Demokratietheorie, die das genuin Politische – und mithin Demokratische – im ereignishaften Durchbrechen von etablierten Prozeduren und Institutionen erkennt und für die das Demokratische somit jenseits der routinisierten Politik liegt, genauer: in Momenten von Negativität, Dissens und Bruch, die keinen festgelegten Ort haben und sich prinzipiell überall in der Lebenswelt manifestieren können.
Wenn nun aber die Demokratie als ein solch umfassender Zusammenhang des kollektiven Lebens verstanden wird – ob als „way of life“, „Lebensform“, „politische Form der Gesellschaft“ (Lefort) oder „soziale Demokratie“ (Frega) –, so stellt sich eine Aufgabe, die über die Grenzen der politischen Theorie hinausweist und nach dem Beitrag anderer Disziplinen verlangt. Denn nimmt man die Rede von der Form des Zusammenlebens ernst, so müssen der hierfür einschlägige Formbegriff und die Erscheinungen von Formen des Sozialen untersucht werden. Es sind die geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit ihrer langen Tradition formaler und ästhetischer Analyse, die die Expertise ausgebildet haben, soziale als ästhetische Formen zu erforschen. Vertreten im GRK sind deshalb neben der Sozialphilosophie und politischen Theorie vor allem Disziplinen, die bisher an den Rändern der Demokratieforschung verortet sind, aber einen Beitrag zur sinnlichen, ästhetischen und erfahrungsmäßigen Dimension leisten können: Literatur-, Kunst-, Film- und Medienwissenschaften sowie Geschichte.
Eine Analyse des vielfach konfliktreichen Zusammenspiels der anschaulichen Formen des Sozialen macht die Demokratie als alltäglich gelebten und erfahrenen Zusammenhang untersuch-, bestimm- und kritisierbar. Zugrunde liegt diesem Gedanken nicht nur ein weiter Begriff der Demokratie, der über die Grenzen des verfassten politischen Systems hinausweist, sondern auch ein ebenso weiter Begriff der Ästhetik. Mit einer Formulierung Achim Geisenhanslükes verstehen wir Ästhetik „als Theorie wie als lebensweltliche Bezugnahme“. Die Ästhetik der Demokratie ist somit nicht etwa das Beiwerk oder die Verzierung, die eine eigentliche Substanz der kollektiven Selbstregierung überdeckt. Vielmehr besteht der Kern der Demokratie – ob im Sinne eines politischen Systems oder der alltäglichen Erfahrung – aus sinnlich verfassten, sinnlich wirkenden Formen der Lebenswelt.