Erscheinungen mögen unmittelbar und selbstverständlich wirken, doch die Bedingungen, unter denen wir erscheinen, wahrgenommen und anerkannt werden, sind andere. Wer erscheint, für wen und unter welchen Bedingungen, wird stets bereits durch soziale, ästhetische und politische Kräfte geprägt.
Aus philosophischer Perspektive kann der Begriff der Erscheinung nicht nur auf die unmittelbaren, sinnlichen Facetten unserer Welt verweisen, sondern auch als konstitutiv für unsere Existenz als politische Wesen verstanden werden. Erscheinen in diesem Sinne ist dasjenige, das unsere Existenz in der Welt verankert und die Pluralität menschlicher Perspektiven und Erfahrungen sichtbar macht (Hannah Arendt). Vom Singular des Begriffs ausgehend, nähern wir uns dem Thema selbst im Plural und greifen dabei auf unsere interdisziplinären Hintergründe zurück, um die Rolle von Erscheinungen im demokratischen Leben zu erschließen.
Darüber hinaus sind Erscheinungen vielfach vermittelt – nicht nur durch alltägliche, unmittelbare Interaktion, sondern auch durch zunehmend allgegenwärtige Medien. Film- und Medienwissenschaften diskutieren seit langem die Weisen und Effekte des Erscheinens (auf dem Bildschirm) aus verschiedenen Perspektiven, insbesondere durch die geschlechtsspezifische Dynamik des Blicks (Laura Mulvey), die simulakrale Logik zeitgenössischer Bildkultur (Baudrillard) sowie Theorien kultureller Repräsentation (Stuart Hall). Doch das sinnliche Feld, welches das soziale Leben vermittelt, ist nie rein visuell. Der Blick wird ebenso durch Klang und unsichtbaren Raum aktiviert wie durch das Sehen selbst (W.J.T. Mitchell). In einer Ära allgegenwärtiger sozialer Medien sind diese Fragen sowohl im öffentlichen als auch im akademischen Diskurs zunehmend präsent.
Erscheinen kann auch als Sichtbarmachen oder Sichtbargemachtwerden verstanden werden, und das Wechselspiel zwischen Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten schafft komplexe Räume des Erscheinens. Gemäß der traditionellen chinesischen Ästhetik werden entscheidende Aspekte der Kalligrafie und der Gartenkunst durch das Unsichtbare geprägt. Hier ergänzen sich Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit gegenseitig. Das Sichtbare zeigt eine Ähnlichkeit, während die unsichtbaren Teile unvollendet und damit unendlich/unvollendet bleiben und eine Bewegung darstellen, die die sichtbare Form nicht erfassen kann (Yolaine Escande). Bedeutung entsteht daher sowohl aus dem, was vorhanden ist, als auch aus dem, was ausgelassen wird oder im Verborgenen verweilt. Das Publikum bzw. die Besucher – kreative Rezipienten (Noel Carroll) oder geduldige Verweiler – werden zu aktiven Teilnehmern dieses Prozesses, indem sie wahrnehmen und interpretieren, was nicht vorhanden ist.
Indem wir Erscheinungen als unseren Ausgangspunkt nehmen, möchten wir daher Fragen der Repräsentation und der Zuschauerschaft auf eine Weise erkunden, die die grundlegende Rolle anerkennt, welche ästhetische und sinnliche Elemente bei der Entstehung unserer gemeinsamen politischen Welt spielen.
Mitglieder: Elena Heller, Luna Vega, Martha Crowe, Martin Saar