Gemeinsam möchten wir uns kritische Zugänge zu etablierten Konzepten linear-progressiver Zeitlichkeit der Moderne erarbeiten. Dabei leiten uns folgende Fragen: In welcher Beziehung stehen Zeiterfahrung und Demokratie als Lebensform zueinander? Wie werden unser Erleben der Moderne und unsere Erwartungen an Demokratien durch unser Verständnis von Zeit geprägt? Können dominante Vorstellungen von Modernität und Fortschrittsdrang durch die Auseinandersetzung mit Zeit und Zeitlichkeiten ins Wanken gebracht werden?

Aufbauend auf einer historischen Annäherung an den Begriff der Modernität möchten wir uns Disruptionen, Zukünfte und Kontingenzen erschließen. Dabei arbeiten wir mit Perspektiven aus den Kultur-, Literatur-, und Politikwissenschaften sowie der Soziologie und Philosophie. Als theoretische Grundlage hierfür dienen uns zunächst Texte von Baruch de Spinoza, Walter Benjamin und Gilles Deleuze.

Unser geteiltes Interesse an Zeitlichkeiten ergibt sich aus unseren jeweiligen Dissertationsprojekten. Verjüngungsdiskurse in Printmedien verursachen einen Zustand zeitlicher Ambivalenz, in dem Männer zwischen vergangenen und zukünftigen Selbstentwürfen schwanken. Diese zweiseitige Erfahrung lässt ein Gemeinschaftsgefühl entstehen, durch das Männer altersbezogene Ängste verhandeln und Hoffnungen auf zeitliche Alternativen ausdrücken. Literarische Wieder- bzw. Neuererzählungen lassen sich aufgrund ihres Bezugs zu kanonisierten Ursprungstexten stets unter dem Aspekt der Zeitlichkeit betrachten. Insbesondere in ihren inhaltlichen und ästhetischen Transformationen sowie in der Verlagerung der Handlung in andere zeitliche Kontexte eröffnen sie neue Perspektiven auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In Hinblick auf die von einer HIV-Infektion geprägte Lebens- und Welterfahrung spielt Zeit ebenfalls eine entscheidende Rolle. Nicht allein aufgrund des nahezu sicheren Todesurteils, das eine Ansteckung innerhalb der ersten Jahre der Epidemie (und in vielen Fällen noch heute) bedeutete, sondern ebenso aufgrund der Dissonanz, in der sich eine queere und sterbenskranke Zeiterfahrung zu einem normativen Fortschrittsglauben, einer ökonomisierten Nutzbarmachung von Zeit, und der Zeitlichkeit von Trauerarbeit stellt.

Über Anregungen, Kooperationsvorschläge oder auch Nachfragen freuen wir uns jederzeit sehr.

Mitglieder: Pauline Scholz, Alican Şimşek, Paula Höhn, Julia Schade