Der Ausgangspunkt unserer Arbeitsgruppe ist die These, dass Demokratie nicht in erster Linie als Raum der Sichtbarkeit, der Diskursivität oder der Deliberation verstanden werden kann, sondern als akustisches Feld, das durch Nachhall, Resonanz und die Streuung des Hörbaren strukturiert ist. Ihr Ethos liegt nicht in einem selbstbezogenen, vorsätzlichen Blick, der eine sichtbare Ordnung der Repräsentation verwaltet, sondern in einer zaghaften, exponierten Pluralität von Stimmen, die rekonfigurieren was es bedeutet, in der Öffentlichkeit zu erscheinen und sich zu zeigen. In Anlehnung an Blanchots Behauptung, dass „sprechen nicht sehen ist“, hängt Demokratie möglicherweise von der Fähigkeit ab, ohne die Gewissheit der Sichtbarkeit zu sprechen und einen Raum innezuhaben, in dem das Ertönen einer autoritativen Anerkennung vorausgeht.
Innerhalb dieses akustischen Horizonts leiten zwei phänomenologische Register die Untersuchung: Stimme und Rhythmus. Die Stimme wird in ihrer Beziehung zu Innerlichkeit, Präsenz und Autorität betrachtet, wobei sie über das Subjekt, das sie hervorbringt, hinausgeht und sich einer Dimension des bloßen Klingens öffnet. Die Stimme markiert somit eine Schwelle, an der Subjektivität sowohl konstituiert als auch ins Wanken gebracht wird, an der das sprechende Individuum zugleich einzigartig ist und als Bote für unpersönliche, kollektive oder relationale Kräfte fungiert. Rhythmus hingegen bezeichnet jene zeitlichen und relationalen Dynamiken, durch die sich Körper versammeln, synchronisieren und wieder auflösen und somit Formen des gemeinsamen Daseins gestalten, die sich festen Identitäten entziehen. Stimme und Rhythmus bieten so eine Möglichkeit, das Politische als einen fortwährenden Prozess des Klingens zu begreifen, in dem sich einzelne Äußerungen und kollektive Formationen kontinuierlich beeinflussen.
Die Arbeitsgruppe erweitert diese Untersuchung auf literarische Praktiken, wobei ein besonderer Fokus auf der Autofiktion liegt. Hier hängt die Frage nach der Stimme unweigerlich mit Fragen der Erzählung, Autor*innenschaft und der Subjektbildung zusammen: Was steht auf dem Spiel, wenn beim Schreiben eine “Stimme” geltend gemacht wird? Inwiefern tragen Autor*in und Leser*in zur Entstehung der Stimme als Wirkung des Textes bei? Und inwiefern verschleiern zeitgenössische Praktiken des Selbst-Schreibens die Grenzen zwischen Innerlichkeit und Enthüllung, Singularität und Kollektivität? Indem wir philosophische, politische und literarische Perspektiven miteinander in Dialog bringen, wollen wir untersuchen, wie Stimme und Rhythmus in diesen Bereichen als zentrale Modalitäten wirken, durch die Subjektivität, Wahrheit und demokratische Teilhabe akustisch konstituiert werden.
Die Arbeitsgruppe befasst sich mit einer Auswahl philosophischer, politischer und literarischer Texte, welche die akustischen Dimensionen von Stimme und Rhythmus in verschiedenen Traditionen nachzeichnen. Die Lektüre reicht von grundlegenden Unterscheidungen zwischen Phone und Logos (Aristoteles) über Kritiken am Phonozentrismus und Theorien zur stimmlichen Singularität (Derrida, Cavarero, Barthes) bis hin zu Reflexionen über das Hören, die Erzählung und die unpersönliche Stimme (Nancy, Blanchot, Kristeva, Cixous). Parallel dazu befassen sich die Texte zum Thema Rhythmus mit dessen sprachlichen, ontologischen und politischen Ausprägungen (Benveniste, Deleuze, Deleuze und Guattari) sowie mit Darstellungen mimetischer Resonanz und kollektiver Bildung (Lacoue-Labarthe, Benjamin, Canetti). In ihrer Gesamtheit bietet die Leseliste einen konzeptionellen und methodologischen Rahmen, um zu untersuchen, wie Stimme und Rhythmus Formen der Subjektivität, des Ausdrucks und der demokratischen Teilhabe prägen.
Mitglieder: Achim Geisenhanslüke, Lorena Nauschnegg, Omer Oushia, Robert Thyssen